Agrimony, der Kasperl

Es war einmal eine große Spielzeugtruhe, die in der hintersten Ecke eines Dachbodens stand. In ihr lebten viele lustige und auch wunderliche Gestalten. Da war ein Bär, mit nur einem Ohr, eine Puppe, deren einstmals lockiges Haar sehr zerzaust war, ein kleiner Pinguin, ein Löwe, ein Krokodil, dem ein Auge fehlte, Spielzeugautos, alle leicht lädiert und ein Kasperl, dessen rote Mütze schon ganz verblasst war.

Die ganze Gesellschaft war meistens traurig. Sie hatten lustiges Kinderlachen schon lange nicht mehr gehört. Wenn es ihnen früher unangenehm gewesen war, von klebrigen Kinderhänden betapscht zu werden, so sehnten sie sich jetzt förmlich danach. Die goldgelockte Puppe lehnte oft ihr Köpfchen an den einohrigen Teddy und weinte herzzerreißend. Auch dem Krokodil rannen dann die Tränen aus dem einen Auge. Nur der Kasperl wollte nicht, dass die anderen merkten, dass auch er traurig war. Laut sang er sein „Tri tra tralala“ um das Geflenne, wie er es nannte, die andere zu übertönen.

Er kletterte auch oft aus seiner Spielzeugkiste um mit den Mäusen, die auf dem Dachboden zahlreich vertreten waren rauschende Käsefeste zu feiern. ”So ein Käsefest”, sagte er zu den Mäusen,”ist genau das richtige für mich. Da brauch ich nicht viel nachzudenken, nur lustig muss ich sein. Die anderen in der Spielzeugtruhe führen immer so ernste Gespräche, das langweilt mich. Ich will damit nichts zu tun haben.”

Die Mäuse bewunderten Agrimony, den Kasperl und veranstalteten für ihn jeden Tag ein Käsefest. Sie feierten jeden Tag so lang, bis sie so müde waren, dass sie umfielen und einfach einschliefen. Mitten in den Käseresten. Bald war Agrimony nur mehr müde. Er schlief schlecht und hatte unruhige Träume. Er wurde nervös und zuckte immer mit dem linken Auge. Er traute sich aber den Mäusen nicht zu gestehen, dass er einfach müde war, sondern sagte einfach dieses Augenzwinkern sei ein neuer Trick, den er sich extra für sie ausgedacht hatte. Die Mäuse liebten ihn dafür umso mehr. Aber auch sie waren von der täglichen Feierei ausgelaugt und wurden beim Käsestehlen immer unvorsichtiger. So wurden einige von ihnen von der Katze erwischt. Am Abend beim täglichen Fest erzählten die Mäuse dem Kasperl, dass ihre Freunde von der Katze gefressen worden seien. Agrimony war sehr betroffen, aber er wollte es nicht zeigen. Er zwinkerte mit seinem linken Auge und rief lustig: ”wenn es die nächsten erwischt, sollen sie die anderen im Mäusehimmel schön grüßen!” Plötzlich trat tiefe Stille ein. Alle Mäuse wandten sich angewidert von Agrimony ab. Diese Späße gingen ihnen zu weit. Sie packten ihre Sachen und zogen aus dem Dachboden aus. Von nun an gab es keine Käsefeste mehr.

Agrimony kletterte mit hängendem Kopf in seine Spielzeugtruhe und fiel in einen unruhigen Schlummer. Geweckt wurde er von aufgeregtem Kichern. ”Schau her, ein alter Kasperl”, hörte er eine Bubenstimme. Schwupp, wurde er unsanft von zwei kleinen Händen gepackt und aus seiner Truhe geholt. ”Sieh mal, das muss die Puppe von Mami sein, von der sie uns so oft erzählt hat. Und da ist ja das Krokodil und der Pinguin!” Ein kleines Mädchen nahm die kleinen Figuren vorsichtig aus der Truhe und drückte sie an ihr Herz. ”Der Teddy von Onkel Hans!” Rief der Bub, ”kannst du dich erinnern, wie er uns erzählt hat, dass er das Ohr von seinem Teddy immer vor dem Einschlafen gekaut hat, bis es abgebissen war?” So plauderten die zwei Kinder und beschlossen den Inhalt auf die Wiese vor dem Haus zu tragen. Aufgeregt hörten die Insassen der Truhe zu. So ein Glück, sie konnten es gar nicht fassen. Endlich wieder Kinder. Das Mädchen nahm die Puppe, das Krokodil, den Pinguin und den Teddy. Der Bub trug den Kasperl und die Spielzeugautos. Die Kinder liefen die Treppen hinunter, aus der Haustür hinaus mitten auf die blühende Wiese.

Erschöpft ließ der Bub die Autos und den Kasperl fallen und warf sich neben sie ins weiche Gras. Agrimony fiel mitten in eine gelblühende Blütentraube und ließ sich freudig die Sonne ins Gesicht scheinen. Er lachte und weinte gleichzeitig. Der Teddy und die Puppe blickten ihn verwundert an. Noch nie hatten sie von dem Kasperl etwas anderes, als eine grinsende Maske gesehen. Die Kinder holten Wasser und Seife und reinigten ihr ”neues” Spielzeug. Das Mädchen flocht der Puppe zwei wunderschöne Zöpfe und zog ihr ein sauberes Kleid an. Der Bub polierte die Mütze des Kaspars, bis sie leuchtend rot glänzte und säuberte die Autos. Der Rest der Spielzeugfamilie wurde vom Staub befreit. Das kleine Mädchen band einen Kranz aus den gelben Blüten des Odermennig, in die der Kasperl gefallen war und setzte sie ihm auf seine Mütze. Von nun an merkten alle, dass auch der Kasperl Gefühle hat.