Beech und Clematis

Es war einmal ein kleines Mädchen, welches Clematis hieß. Sie träumte den ganzen Tag vor sich hin. Die meiste Zeit verbrachte sie damit, sich geschmückt als wunderschöne Prinzessin vorzustellen. In ihrer Fantasie hatte sie langes goldenes Haar und veilchenblaue Augen. Auf ihrem Kopf trug sie eine zierliche Krone. Gekleidet war sie in ein bodenlanges veilchenblaues Kleid mit vielen Rüschen und Spitzen. Mit zierlichen Schritten tänzelte sie als Prinzessin über blühende Wiesen.

Das kleine Mädchen war völlig in ihren Tagtraum versunken, als die Stimme ihrer Mutter ertönte: „Clematis, jetzt träumst du schon wieder vor dich hin. Wie du schon wieder aussiehst, deine Haare sind ja ganz unordentlich. Du könntest dich wirklich öfter kämmen, wenn du schon so borstige Haare hast. Einmal möchte ich dich ordentlich gekämmt erleben.”

Die Mutter von Clematis hieß Beech. Clematis seufzte auf. Immer nörgelte die Mutter an ihr herum. Selbst wenn Clematis sich bemühte, die Mutter fand immer etwas zu auszusetzen. Mitten aus ihrer liebsten Beschäftigung herausgerissen sah Clematis auf ihre Uhr. „Um Gottes Willen” durchfuhr es sie, „es ist schon halb fünf und ich habe noch keine Hausaufgaben gemacht. Um sechs Uhr wollte ich doch mit meiner Freundin und ihrem Hund spazieren gehen.” Schnell packte sie ihre Hefte aus und begann zu schreiben. Da sie sich jetzt aber so beeilte, unterliefen ihr sehr viele Fehler. Die Mutter ging an ihr vorbei und blickte ihr zufällig über die Schulter. „Jetzt trifft mich aber gleich der Schlag”, rief sie aus, „dein Heft ist ein einziger Fehlerhaufen! Kannst du dich denn nicht ein einziges Mal bemühen eine fehlerfreie Zeile zu schreiben?” Clematis kritzelte lustlos weiter. Bald schweiften ihre Gedanken wieder ab. Zu der kleinen Prinzessin, die auf ihrer Blumenwiese tanzte.

Als um sechs Uhr die Freundin mit ihrem Hund vor der Tür stand, hatte Clematis nicht einmal die Hälfte ihrer Aufgaben erledigt und konnte deswegen nicht mitgehen. Sie brach in bittere Tränen aus. Die Mutter, die Beech hieß, schaffte es einmal nicht sofort zu kritisieren und nahm ihre Tochter in den Arm. „Du ich glaube, wir sollten etwas tun”, sagte sie sanft zu ihrer Tochter. „Durch deine Träumerei versäumst du hier und jetzt, nämlich in der Gegenwart, viele schöne Stunden. Ich wieder sehe in vielen Dingen sofort das Schlechte und kann mich darum oft nicht freuen. Wenn du zum Beispiel deine Haare schön frisiert hast, aber verwaschene Jeans anhast, kann ich mich nicht über deine hübsche Frisur freuen, sondern ärgere mich über die alten Jeans. Damit nehmen wir uns beide, jede auf andere Art, viel Lebensfreude weg. Was meinst du dazu?” Clematis hatte inzwischen zu weinen aufgehört und sah die Mutter interessiert an. „So habe ich das noch nie gesehen. Ich glaube du hast recht. Gehen wir morgen in den Wald, vielleicht finden wir dort Hilfe.“

Zeitig am nächsten Morgen gingen sie in den Wald. Als sie eine Zeitlang gewandert waren, rasteten sie sich unter einer Rotbuche aus. Sie blühte gerade. Beech, die Mutter fühlte plötzlich wie ihr ganz warm ums Herz wurde. Sie sah auf einmal gar nicht mehr, dass Clematis total zerzauste Haare hatte und ihr Pullover völlig verdreckt war, sie sah nur mehr ihre wundervolle Tochter. „Du siehst aus wie eine kleine Prinzessin”, sagte sie zu Clematis und zog sie in ihre Arme.

Ein wenig später zogen sie weiter. Sie kamen zu einer Hecke. An dieser Hecke rankte eine Pflanze hoch, zu der sich Clematis sofort hingezogen fühlte. „Kennst du diese Pflanze?” Fragte sie ihre Mutter. Diese überlegte eine Zeitlang und dann fiel ihr der Name ein: „Gemeine Waldrebe, heißt sie, gefällt sie dir?” „Ja, in ihrer Nähe fühle ich mich glücklich. Ich habe nicht mehr das Gefühl nur im Traum glücklich sein zu können”, antwortete Clematis. „Ich freue mich, dass ich bin und jetzt mit dir vor dieser Pflanze stehe”.

Sie blieben noch eine Weile auf diesem Fleck stehen und plauderten. So nahe hatten sie sich einander noch nie gefühlt. Und sie beschlossen, immer wenn Träumerei und Kritiksucht sich wieder in ihrem Alltag ausbreiten wollte, ihre Plätze zu besuchen, Clematis die Gemeine Waldrebe und Beech ihre Rotbuche.