Cerato, das Fragemännchen

Es war einmal ein kleines Fragemännchen, das alle Cerato nannten. Wisst ihr was ein Fragmännchen ist? Richtig, ein Fragemännchen ist ein kleiner Mann, der ununterbrochen Fragen stellt. Cerato stellte auch Fragen, die ihn eigentlich gar nicht interessierten und wenn ihm wer Antwort gab, hörte er deswegen nicht richtig zu. Und so geschah es, dass Cerato, kaum hatte er Antwort auf seine Frage, die gleiche Frage noch einmal stellte, nur um wieder nicht richtig zuzuhören. Das ging seinen Verwandten manchmal ganz schön auf die Nerven.

Cerato wohnte mit seiner Frau und seinem Hund in einer kleinen Wohnung. Die Wohnung war angestopft mit Büchern, die Cerato gekauft hatte, weil er über dieses oder jenes Thema unbedingt Bescheid wissen wollte. Doch kaum ein Buch hatte er wirklich gelesen. Meist nahm er eines in die Hand, blätterte drin herum, las da und dort eine Zeile um es dann wieder aus der Hand zu legen, weil ihn das nächste schon angelacht hatte.

Das Schlimmste für Ceratos Frau war, wenn das Fragemännlein fürs Mittagessen einkaufen ging. Zuerst besprach sie mit dem Fragemännlein, was gekocht werden sollte und beantwortete alle seine Fragen dazu. Dann schrieb sie immer fein säuberlich einen Zettel auf dem die Zutaten, die benötigt wurden standen. Was aber tat Cerato? Eines Tages war es besonders schlimm:

Er ging mit dem Zettel in der Hand zum Kreisler. Schon in seiner Gasse traf er die alte Frau Meier. „Gehn’s einkaufen, Herr Cerato?” Stellte sie jedesmal die gleiche Frage. Eine neugierige Alte war das. Sie wartete die Antwort nie ab, sondern fragte gleich weiter: „Was kochen wir denn heut?” Cerato gab bereitwillig Antwort, worauf die alte Meier sofort konterte: „Na is des denn gsund?” Cerato war verunsichert. „Ist das nicht gesund?” Die Frau Meier war glücklich, daß sie ihre Weisheiten loswerden konnte: „Ja das kommt darauf an, wie ihre Frau das zubereitet, Wissen’s roh ist doch alles am Gesündesten, aber zum Beispiel Nehmens ihr Kraut von heute, isst man es roh, bekommt man Blähungen, kocht man es verliert es die Vitamine.” Und so weiter und so weiter, bombardierte sie Cerato mit guten Ratschlägen, bis sie endlich weiterzog.

Cerato ging ziemlich verwirrt zum Kreisler. Dort fragte ihn die Kreislerin: „Na Herr Cerato, was kochen wir denn heut” „Ja, ich bin mir nicht sicher, meine Frau, wollte Kraut kochen, aber die Frau Meier” „Gehens horchen sie nicht auf die alte Meier und ihre Weisheiten”, sagte die Kreislerin. „Aber so unrecht hat sie manchmal auch wieder nicht”, mischte sich eine Kundin ein, „Man muss schon vorsichtig sein, was man heutzutage isst, nehmen sie nur das Kraut. Da ist es sehr wichtig woher es kommt, wo es angebaut wurde und wie es geerntet und gelagert wurde” Cerato horchte auf. „Gelagert? Ja Frau Kreislerin, wie haben sie denn ihr Kraut gelagert?” Die Kreislerin wies auf einen großen Bottich. Cerato war völlig verunsichert, war das jetzt gesund gelagert oder nicht? „Wissen Sie was”, sagte er zur Kreislerin, „ich bin mir mit dem Kraut gar nicht mehr sicher. Ich schau mal in die Tiefkühltruhe.” Er suchte in der Tiefkühltruhe herum und entschloss sich eine Packung Rotkraut zu nehmen. „Na, was machen wir denn dazu”, fragte die Kreislerin. Cerato wollte Erdäpfel, doch die andere Kundin sagte mit geheimnisvoller Stimme: „ich sag nur eines, Vorsicht bei Erdäpfel“. Cerato ging wieder zur Tiefkühltruhe und stöberte herum. Dann entschied er sich für Kartoffelkroketten. „Na viel Unterschied ist da nicht“ murmelte die Kreislerin.

Zu Hause schlug Ceratos Frau die Hände über dem Kopf zusammen. „Tiefkühlkost“, schrie sie, „Tiefkühlkost, weißt du nicht wie ungesund sie ist!“ Cerato war völlig verwirrt. Er verzichtete auf das Mittagessen und durchstöberte seine Bücher. Er wollte die richtigen Ernährungsregeln finden. Aber, oh weh, in jedem Buch stand etwas anderes. Cerato gab es auf. Da er jetzt Hunger verspürte, ging er in die Küche und briet sich zwei Spiegeleier mit Speck. Plötzlich läutete es an der Tür. Cerato öffnete, es war der Nachbar. Dieser sog die Luft durch die Nase ein, schnupperte und sagte dann vorwurfsvoll: „Herr Cerato, Eier! Wissen sie denn nicht wie ungesund die sind.“ Cerato warf dem Nachbarn die Tür vor der Nase zu, ohne ihn noch zu fragen, was er eigentlich gewollt hatte. Hunger hatte er auch keinen mehr. Angewidert schob er die Pfanne mit den Eiern von der Herdplatte, zog sich Schuhe und Jacke an und stürmte völlig frustriert aus der Wohnung.

Er rannte durch seine Gasse und hätte fast die alte Frau Meier umgerannt. „So ein unhöflicher Kerl“, schrie sie ihm erbost nach, „selber nicht wissen wo links und rechts ist, aber alte Frauen umrennen“. Cerato verlangsamte seinen Schritt, wollte sich schon umdrehen und sich entschuldigen, doch sein Missmut war zu groß. Er lief weiter und gelangte in den großen Park.

Außer Atem ließ er sich auf eine Bank fallen und stierte vor sich hin. Sein Blick fiel auf die Fläche vor ihm, auf der hübsche, blaublühende Ziersträucher wuchsen. Er betrachtete das Schild neben den Sträuchern. Auf ihm stand: „Bleiwurz“ und darunter „bitte nicht pflücken“. Aber das wollte Cerato ohnehin nicht. Er war ganz mit seinen Gedanken beschäftigt. Es ging ihm durch den Kopf, warum er denn immer alle anderen fragte, ihnen alles glaubte und immer meinte, die anderen wären gescheiter als er. Er starrte in das blaue Blumenmeer und seine Gedanken wurden immer geordneter. Es war ihm, als hörte er tief in seinem Inneren eine feste klare Stimme, von der er plötzlich wusste, dass sie die einzige sei auf die er hören sollte. Mit dieser beruhigenden, wissenden Stimme in sich schlenderte Cerato nach Hause.

Arm war nur die alte Meier, wo sollte sie jetzt ihre Weisheiten anbringen?