Cherry Plum, die Schießbudenfigur

Es war einmal eine Schießbudenfigur. Sie gehörte zu einem kleinen Wanderzirkus und ihr Name war Cherry Plum. Immer wenn der Zirkus Vorstellung hatte, kamen in der Pause viele Menschen und drängten sich um die Schießbude. Auf der Theke waren Bälle aufgereiht und mit diesen Bällen schossen die Menschen auf Cherry Plum und ihre Schießbudenfigurenkollegen. Sie freuten sich sehr, wenn sie Cherry Plum mitten ins Gesicht trafen und sie umfiel, denn sie war die Figur, deren Umfallen die meisten Punkte brachte. Mit 250 Punkten durften die Menschen noch einmal gratis werfen. So kam es, dass alle ihre Zielkraft einsetzten um Chery Plum zu treffen.

Als Schießbudenfigur hatte Cherry Plum gelernt immer lächelnd nach hinten zu fallen, das gehörte zu ihrem Beruf. Anfänglich war sie auch sehr stolz darauf, die begehrteste Zielscheibe zu sein. Doch nach ein paar Jahren, in denen sie viele harte Schläge mitten ins Gesicht einstecken musste und ihre hübsche kleine Nase schon sehr zersprungen war, erfüllte Cherry Plum große Wut. Sie schaffte es nur mehr unter Aufbringung aller Kräfte lächelnd aufrecht zu stehen und sich die Bälle ins Gesicht pfeffern zu lassen. So sehr sie sich Mühe gab, sie konnte es nicht verhindern, dass sie den Menschen, die sich besonders freuten sie getroffen zu haben, ins Gesicht spuckte.

Der Schießbudenbesitzer nahm Cherry Plum ins Gebet und machte ihr klar, dass sie, sollte diese Spukerei noch einmal vorkommen, ihren Posten verlieren würde. Cherry Plum war verzweifelt. Sie begann ihre Nägel abzukauen, aus Angst sie würde mit spitzen Nägeln jemanden verletzen. Sie wusste dass es falsch war, die Menschen für ihre Freude am Werfen zu hassen, doch sie konnte ihrem Drang sich zu rächen nicht Herr werden. Schon quälten sie fürchterliche Kopfschmerzen und sie befürchtete den Verstand zu verlieren.

Eines Nachts konnte sie es nicht mehr ertragen. Sie sprang aus ihrer Aufbewahrungskiste und rannte und rannte bis ihr die Luft ausging und sie vor einem hohen Kirsch-Pflaumenbaum, der voll von rein weißen Blüten war, stehenbleiben musste. Mit letzter Kraft kletterte sie diesen Baum hoch und wollte sich von ihm hinunterstürzen. In ihrer Verzweiflung wollte sie nicht mehr leben. Sie stieg immer höher und höher um dann innezuhalten und zu sehen ob sie schon hoch genug war. Beim Hinabsehen streifte sie mit ihrer zerkratzten Nase eine der weißen Blüten und der gelbe Blütenstaub kitzelte sie in der Nase. Hatschi, hatschiiie, hatschie, Cherry Plum musste niesen und niesen. Mit jedem Hatschi verschwand ein Stück von dem Kopfschmerz, der sie plagte und plötzlich konnte sie wieder klar denken.

Erschrocken blickte sie sich um und sah, dass sie auf einem ganz dünnen Ast saß. Schnell sprang sie auf einen vertrauensvoll aussehenden, dicken Ast und kauerte sich zusammen. Sie blickte in den sternenklaren Himmel und begann über sich und ihre Arbeit nachzudenken. Ihr wurde klar, dass sie sich, wenn sie sich nicht mehr bewerfen lassen wollte, eine neue Arbeit suchen musste.

Sie wog in aller Ruhe die Vor- und Nachteile dieses Gedanken ab und kam zu dem Schluss, dass sie es wagen wollte. Befreit von dem Zwang immer lächelnd den Schmerz hinnehmen zu müssen, stieg sie vorsichtig von dem blühenden Baum. Auf der Erde angekommen, war sie über und über von den rein weißen Blüten bedeckt. Lachend blies sie sich eine Blüte aus dem Gesicht und machte sich auf den Weg um eine neue Arbeit zu finden.