Aspen, die Wildtulpe

Es war einmal eine rosarote Wildtulpe. Sie blühte am Waldrand. Ständig hatte sie Angst, doch wenn ihre Kolleginnen sie fragten, wovor sie sich fürchte, konnte sie das nie genau sagen. Es waren Ängste, Ahnungen und Befürchtungen, die sich nicht in Worte fassen ließen.

Sie lebte in einer Blütengemeinschaft mit vielen anderen Wildtulpen. Vor allem wenn es Abend wurde und die untergehende Sonne den Himmel rot färbte, überkamen Aspen immer Ahnungen, etwas Schreckliches könnte in dieser Nacht geschehen. Sie getraute sich diese Befürchtungen nicht einmal ihrer besten Freundin zu erzählen, weil sie Angst hatte ausgelacht oder für verrückt gehalten zu werden..

So stand sie ganz allein mit ihren Gedanken und bebte. Ihre Freundin versuchte ihr beizustehen, wenn die kleine Wildtulpe vor Schauer zitterte. Sie strich mit ihren langen, dunkelgrünen Blättern über das Köpfchen von Aspen und versuchte sie abzulenken. Sie begann wunderschöne Märchen zu erzählen, um Aspen in der Zeit, in der sie die größte Angst hatte abzulenken. Manchmal gelang ihr das, manchmal nicht. Dann bebte Aspen, von unheilvollen Vorahnungen geplagt am ganzen Körper und ihr, sonst so süßes, Gesichtchen war völlig verkrampft.

Eines Nachts, während ein Gewittersturm über die Wildtulpen brauste, grelle Blitze die Nacht erhellten und dumpfes Donnergrollen die Erde erzittern ließ, war Aspen schon fast ohnmächtig vor Furcht. Ihre Freundin hatte in diesem Augenblick selbst große Angst. Sie wollte ihrer Verzweiflung mit Gesang Herr werden. Im Moment konnte sie sich aber an kein Lied erinnern. Ihr Blick schweifte über den von Blitzen erleuchtenden Waldrand. und sie sah eine Gruppe von Espen, die vom Wind gepeitscht wurden. Die Espen taten ihr leid. So begann sie mit klingender Stimme eine Ballade über die Espe zu singen und das klang so: „Die Espe ist ein kleiner Baum, darum braucht sie nicht viel Raum. Ihre Blüten sind wie Kätzchen, hab Vertrauen, mein kleines Schätzchen. Die Espe unserer Seele Frieden bringt, denk daran wenn mein Lied erklingt.”

Sie sang hingebungsvoll und wiegte sich im Takt ihrer Musik. Auch Aspen wiegte sich mit ihr und all die anderen Wildtulpen auch. Immer wieder sangen sie das Lied von der Espe und es überkam sie ein Gefühl von Geborgenheit. Sogar Aspen hatte das wunderbare Gefühl des Vertrauens und der inneren Geborgenheit.

Ab dieser Nacht sang sie, immer wenn große Angst oder unerklärliche Ahnung sie überfiel, mit ihrer Freundin das Lied von der Espe.