Heather, der Schmetterling

Es war einmal ein hübscher Schmetterling. Er war bezaubernd anzusehen. Er tänzelte über die Wiesen wie ein Primaballerina. Nie konnte er ruhig an einem Ort sitzen. Er flog von einer Blüte zur anderen und erzählte ständig von sich. Was er nicht schon alles erlebt hätte, wie hübsch er sei oder dass er heute nicht sehr gut aufgelegt sei. Die Sorgen der Blüten interessierten ihn nicht. Wenn ihm einmal eine erzählen wollte, dass sie durstig sei, weil es so lange nicht geregnet hätte, flog er sofort davon. Er suchte den nächsten Blütenkelch, in dem er sich niederlassen konnte und seine Geschichten erzählen konnte. Das ging den Blumen schön langsam auf die Nerven.

Sobald sie den Schmetterling von der Weite sahen, riefen sie: „Vorsicht, Heather (so nannten sie den Schmetterling) im Anflug” und schlossen ihre Kelche. Der Schmetterling fühlte sich bald sehr einsam. Mit allerlei Tricks versuchte er die Aufmerksamkeit der Blumen zu erregen. Er flog hoch in den Himmel und ließ sich dann hinabstürzen. Erst kurz vor der Erde fing er sich und schwebte wieder. Die Blumen schüttelten angewidert ihre Köpfchen. „Euch werde ich es schon zeigen”, dachte Heather bei sich. Er dachte sich immer neue Kunststücke aus, aber die Blumen lehnten ihn ab. Einsamkeit und Alleinsein konnte der Schmetterling nicht und so suchte er sich eine neue Wiese aus. Hier erging es ihm aber genauso, wie auf der vorherigen. Erst unterhielten sich alle Bewohner der Wiese gern mit ihm. Als sie aber merkten, dass er immer nur im Mittelpunkt stehen wollte und für andere kein offenes Ohr hatte, verschlossen sie sich vor ihm und ließen ihn nicht mehr in ihre Kelche. Traurig und hungrig flog Heather davon und kam in ein sumpfiges Gebiet. Nicht einmal tänzeln mochte er.

Da drang eine tiefe Stimme an sein Ohr: „Heather, komm zu mir. Ich gebe dir zu essen.” Heather blickte sich um und sah unter sich einen kleinen Busch mit vierblättrigen rosa Blüten. Er ließ sich zögernd auf einem Blatt nieder und stillte vorsichtig seinen Hunger. Zum ersten Mal in seinem Leben schwieg er. Auch der Busch schwieg. Nach einiger Zeit fragte der kleine Schmetterling leise: „Wie heißt du denn?” Das hatte er noch nie gemacht. Sonst erzählte er immer gleich, wer er sei und scherte sich keinen Pfifferling darum, wer der Andere war. „Ich bin das Heidekraut”, antwortete der kleine Busch, „wenn du möchtest, kannst du bei mir bleiben.” Von da an blieb der hübsche Schmetterling bei dem Heidekraut. Sie tauschten ihre Gedanken aus oder ruhten sich gemeinsam aus. Heather bekam ein Gefühl dafür, wann das Heidekraut sich unterhalten wollte und wann es lieber Ruhe hatte. Heather lernte sich mit sich selbst, mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen zu beschäftigen. Er erkannte, dass er sich selbst lieben konnte.

Einmal machte Heather einen Ausflug auf seine alte Wiese. Die Blumen schauten erstaunt auf, als er rief: „Hallo, wie geht es euch!”, sich niederließ und sich ihre Sorgen erzählen ließ. Manchmal konnte er sogar mit einem guten Rat helfen. „Komm bald wieder”, riefen ihm alle Wiesenbewohner nach, als er heim zu seinem Heidekraut flog.