Larch, die Waldameise

Es war einmal eine kleine Ameise, die Larch hieß. Sie war ziemlich schüchtern und ließ immer die Schultern hängen. In die Ameisenschule ging sie eigentlich sehr gerne, weil sie es liebte neue Dinge zu hören. Am meisten mochte sie von ihrem Wald zu lernen, aber auch von fremden Ländern hörte sie gern. Da sie so begeistert zuhörte, wusste sie sehr viel und wenn sie ihrer Mutter von dem Gelernten erzählte, streckte sich ihr ganzer Körper und ihre Augen blitzten.

Doch wenn die schrecklichen Tests kamen, dann bogen sich ihre Schultern ganz weit nach vorn und sie ließ den Kopf hängen. Sie bildete sich nämlich ein gar nichts mehr zu wissen sobald der Zettel mit den Aufgaben vor ihr lag. Sie traute sich auch nie aufzuzeigen, wenn die Ameisenlehrerin eine Frage stellte, aus Furcht die Antwort nicht richtig sagen zu können.

So bekam Larch nie die guten Noten, die sie eigentlich verdient hätte, sondern musste sich immer mit Dreiern und Vierern begnügen. Am Meisten fürchtete sich Larch vor der Abschlussprüfung. Hier lautete die Aufgabe nämlich einen eigenen Ameisenhügel zu bauen. Er musste eine bestimmte Größe haben und mit allem ausgestattet sein, damit eine Ameise mit ihrer Sippe darin leben kann. Der Vater von Larch übte geduldig mit ihr und es gelang ihr einen recht ansehnlichen Hügel in kurzer Zeit zu bauen. Feuerrote Bäckchen hatte die kleine Ameise in ihrem Eifer. Doch dann sagte der Vater: „So ich glaube mit dieser Leistung schaffst du die Abschlussprüfung leicht“ und Larch fiel sofort in sich zusammen und weinte. Nein, das schaffte sie sicher nie. Irgendeinen Fehler würde sie sicher machen und dann würde der ganze Hügel in sich zusammenfallen und alle würden sie auslachen.

In der Nacht vor der Prüfung fühlte sich Larch ganz winzig. Sie zitterte und flehte ihre Mutter an, morgen der Lehrerin zu erzählen, dass Larch krank geworden sei. Ihre Mutter versuchte Larch zu trösten und ihr Selbstvertrauen zu geben, doch umsonst. Larch war tief überzeugt nichts zu können.

Am nächsten Morgen stand eine armselige, kleine Gestalt mitten in ihren Schulkameraden und hoffte, dass sich die Erde auftun und sie verschlingen möge. Rund um die Prüfungsklasse standen die Eltern und Geschwister, die Tanten und Onkel, das ganze Dorf und sogar die Ameisenkönigin. Sie überreichte wie jedes Jahr, die Abschlussdiplome und die Bestätigung, dass die Ameisen reif seien um Arbeitsameisen zu werden, für eine Ameise ein sehr wichtiges Dokument.

Die Lehrerin teilte die kleinen Ameisen in drei Gruppen ein. Jeweils eine Ameise jeder Gruppe sollte sich einen Platz für den zu bauenden Hügel aussuchen, dann Material heranschaffen und zu bauen beginnen. Wenn die Erste fertig war wurden auch die anderen gestoppt und bewertet.

Larch machte sich ganz klein, doch die Lehrerin sah sie doch und sie ging als Erste ihrer Gruppe an den Start. Sie blickte hilfesuchend zu ihrer Familie und die zeigte ihr aufmunternd die gedrückten Daumen. Die Lehrerin rief: „Auf die Plätze, fertig, los“, und die drei Kandidaten rannten los um einen geeigneten Bauplatz zu suchen. Larch rannte auch los, aber mit tief gesenktem Kopf, die Schultern eingezogen, mit nur einem Gedanken im Kopf: „Das schaffe ich nie!“

Da sie den Kopf so hängen ließ, sah sie nicht viel. Sie stolperte über eine Wurzel, überschlug sich und kollerte ein Stück, bis sie von einem Baum aufgehalten wurde. Mit vor Scham tiefrotem Gesicht rieb sich Larch ihren Kopf, das Gelächter der anderen dröhnte in ihren Ohren. „Ist ja eh alles egal“, dachte sie sich, „dann bau ich gleich hier den Hügel“ und mit Tränen in den Augen blickte sie sich um passendes Material um. Ein Windstoß schüttelte den Baum und plötzlich fielen lauter feine Nadeln vor Larch’s Füße.

Da ging eine Wandlung in Larch vor. Punkt um Punkt wusste sie, wie die Konstruktion des Hügels zu sein hatte, alles was sie je gelernt hatte, fiel ihr zur richtigen Zeit ein und ihr Bau wuchs und wuchs. Durch die zarten Nadeln, die sie verwendete bekam ihr Hügel eine ganz besondere Note, er sah robust und leicht zugleich aus. Er strahlte eine Sicherheit aus, der den Betrachter verlockte, sich in diesem Bauwerk niederzulassen und wohl zu fühlen. Versunken, ohne auf ihre Mitbewerber zu achten, stattete Larch ihr Gebäude auch innen nach allen Ameisenregeln aus.

Sinnend stand sie nach der Fertigstellung vor ihrem Kunstwerk. Es fehlte nur mehr eines, der Name ihres Ameisenhügels. Sie blickte fragend zu dem Baum hinauf und dessen herabhängende Äste flüsterten: „Taufe dein Heim nach uns, wir sind die Lärche“. Das tat Larch und voller Stolz blickte sie in die Augen der Ameisenkönigin und sprach: „Ich bin fertig, darf ich ihnen mein Lärchenheim vorstellen“. Die Königin betätigte den Gong, als Zeichen für die anderen beiden Ameisen, dass sie aufhören müssten. Sie waren noch nicht einmal halb fertig mit ihrem Bau. Tönender Applaus brandete auf. Larch’s Eltern strahlten über das ganze Gesicht, so glücklich waren sie über die Leistung ihrer Tochter.

Bei der Diplomübergabe ließ Larch nicht mehr die Schultern hängen, sie wusste was sie geleistet hatte und ihre Augen blitzten. Sie stand als Letzte in der Reihe.

Die Königin gab jedem der bestanden hatte sein Diplom und den Arbeitsvertrag.

Als sie bei Larch ankam hielt sie nichts mehr in Händen. Larch Augen weiteten sich vor Schreck, hatte sie doch nicht bestanden? Die alten Zweifel kamen wieder hoch. Doch die Königin küsste Larch auf beide Wangen und sagte: „Für dich habe ich etwas Besonderes vorgesehen. Du wirst Leiterin unserer Bauschule. Von dir sollen die jungen Ameisen lernen so wunderbare Hügel zu bauen wie dein Lärchenheim!“