Oak, der kleine Chinese

Es war einmal ein kleiner Chinese. Er arbeitete in einer Fabrik, die winzige Zahnräder herstellte. Als der kleine Chinese hier zu arbeiten begann, stand er an einem Fließband und packte die fertigen Zahnräder in Kartons ein. Immer zwanzig in einen Karton. Diese Arbeit wurde ihm bald langweilig und da er ein kluger und geschickter Chinese war, setzte er sich ein Ziel.

Dieses Ziel war, innerhalb eines Jahres hinauf in den ersten Stock zu kommen, wo die Zahnradschablonen von den Technikern hergestellt wurden. Der Chinese arbeitete an seinem Fließband voller Konzentration und in kürzester Zeit schaffte er es pro Stunde 70 Kartons zu füllen. Das fiel seinem Vorgesetzten auf und er erwähnte ihn lobend in der Firmenkonferenz. Die Firmenleitung beschloss den fleißigen Chinesen zu befördern und Oak wurde eine schwierigere Aufgabe übertragen. Jetzt bediente er die Maschine, die die Zahnräder presste. Auch hier arbeitete er so konzentriert und ohne Pause, dass er viel größere Stückzahlen pressen konnte, als sein Vorgänger. Schon bald wurde Oak wieder befördert und diesmal war er seinem großen Ziel schon viel näher.

Er durfte den Technikern im ersten Stock zur Hand gehen, die Zeichnungen durchpausen und sie von einer Abteilung zur anderen bringen. Oak arbeitet unermüdlich. Seine Pausarbeiten waren so genau, dass die Techniker am liebsten ihre Arbeiten ihm übertrugen. Oak, war auch ein schlauer Chinese, wann immer es ihm möglich war, blickte er den Technikern über die Schultern und schaute sich ihr Können ab. Nach Dienstschluss, wenn alle ihre Arbeitsplatz längst verlassen hatten, saß Oak und versuchte selbst Zahnradschablonen zu zeichnen. Er konnte es schon sehr gut, doch er wollte perfekt sein. Er übte und übte bis spät in die Nacht und war am nächsten Morgen trotzdem gut gelaunt zur Stelle um seine Arbeit zu erledigen.

Eines Morgens, als Oak in den ersten Stock kam um mit seiner Arbeit zu beginnen, herrschte hier große Aufregung. Eines der Zahnräder war falsch konstruiert und passte nicht mit den anderen zusammen. Diesen Fehler hatte man bisher nicht bemerkt. Erst als der Kunde, der die Zahnradkonstruktionen gekauft hatte, sein Gerät nicht in Betrieb nehmen konnte, wurde der Fehler bemerkt. Die Techniker zeichneten und zeichneten. In der Werkstatt wurden von Hand ein Muster gefertigt, doch das Zahnrad wollte nicht zu den übrigen passen. Oak besah sich die Konstruktionspläne und bemerkte bald den Fehler. Das Zahnrad war seitenverkehrt gezeichnet. Schnell setzte er sich hin und in kürzester Zeit hatte er die richtige Zeichnung angefertigt, in die Werkstatt gebracht und das Muster wurde angefertigt. Natürlich passte es zu den übrigen Zahnrädern und konnte sofort in Serie produziert und an den Kunden ausgeliefert werden.

Alle waren über Oaks Leistung sehr erstaunt und die Firmenleitung beförderte Oak sofort zum Cheftechniker. Nun hatte er sein Ziel erreicht, ja sogar mehr als das, denn dieser verantwortungsvolle Posten verlangte dem kleinen Chinesen viel ab. Er kam als erster in die Firma, immer korrekt gekleidet, und verließ als letzter das Haus, noch immer korrekt gekleidet, mit einer Aktentasche voll mit Plänen, die er zu Hause noch durcharbeiten wollte. Ein paar Monate nach seinem großen Erfolg war Oak völlig erschöpft. Sein Chef sah ihm das an und schlug ihm vor seinen Jahresurlaub anzutreten, doch Oak lehnte ab. Er verbiss sich in seine Arbeit und wollte und konnte keine Ruhepause einlegen. Die Techniker in seiner Abteilung verließen sich immer mehr auf ihn, fragten ihn bei jeder Kleinigkeit um Rat und Oak nahm alle Verantwortung auf seine Schultern. Er verfolgte nun ein neues Ziel: seine Abteilung sollte die Beste und Unentbehrlichste der ganzen Firma werden. Der kleine Chinese schuftete hart und auch bald hatte er auch dieses Ziel erreicht.

Er wurde für seine Verdienste in den Vorstand der Firma berufen. Oak konnte sich über diese Auszeichnung gar nicht mehr so richtig freuen. Er war müde und ausgelaugt, in der Nacht schlief er schlecht und wachte von seinem eigenen Zähneknirschen auf. Doch Oak war auch durch gutes Zureden nicht zu bewegen, etwas weniger zu arbeiten.

Es war Anfang Mai, als die Fabrik des kleinen Chinesen einen Auftrag von einer englischen Firma bekam. Oak wurde beauftragt nach England zu fahren, um die Konstruktionspläne für die neuen Zahnräder zu besprechen. In England nach einem langen Flug angekommen, wurde Oak von einem Chauffeur abgeholt. Dieser sollte Oak zu seinem Chef bringen. Die Fahrt ging aus der großen Stadt hinaus, mitten durch einen großen Eichenwald. Oak sah aus dem Fenster, die großen, massiven Bäume imponierten ihm. Er bat den Chauffeur anzuhalten. Der Wagen hielt am Straßenrand und Oak stieg aus.

Er ging ein Stück in den Wald hinein und atmete voller Freude die frische Luft ein. Er lehnte sich an einen der mächtigen Eichenstämme und plötzlich fühlte er sich völlig entspannt. Er dachte gar nicht mehr an seinen Termindruck und beschloss seinen Aufenthalt hier um eine Woche zu verlängern um jeden Tag in diesem Wald spazieren gehen zu können. Gesagt, getan – Oak verlängerte seinen Aufenthalt. Er nahm sich zum ersten Mal seit Jahren Zeit für sich selbst. Jeden Tag wanderte er stundenlang durch den Eichenwald. Er fühlte sich immer wohler, schlief gut und war immer ausgeruht.

Am letzten Tag seines Besuches in England ging Oak wieder in den Eichewald. Er lehnte sich noch einmal an einen dicken Eichenstamm und nahm die Kraft dieses Baumes in sich auf. Dann bückte er sich und hob ein paar Blätter und Blüten der Eiche auf und verwahrte sie in seiner Brusttasche. So trat er die Heimreise an. Und auch hier teilte er seine Arbeit so ein, dass er auch noch genügend Zeit für sich selbst hatte.