Pine, die Zwergenmutter

Es war einmal eine Zwergenmutter, ihr Name war Pine. Sie hatte sechs süße Zwergenkinder. Die kleinen Zwerglein hatten keine richtigen Namen sondern wurden einfach Zwerglein 1, Zwerglein 2, Zwerglein 3, Zwerglein 4, Zwerglein 5 und Zwerglein 6 genannt. Es waren sehr brave und besonders ruhige Kinder, die ihrer Mutter immer folgten und ihr sehr viel halfen. Bis auf Zwerglein 5, dieses Zwerglein war lebhafter, lustiger und frecher als seine Geschwister. Spielten alle Zwerglein auf der Wiese vor dem Haus, hörte man Zwerglein 5 laut singen oder manchmal beim Fußballspielen, sogar laut fluchen. Einmal ärgerte sich Zwerglein 5 besonders über seinen Fußball, der nicht so wollte wie das kleine Zwerglein. Es gab ihm einen festen Tritt und der Ball flog hoch in die Luft, machte dort einen Bogen und flog mit Gesplitter und Getöse durch die Fensterscheibe der Küche mitten in Mutters Kochtopf. Zwerglein 5 stand mit offenem Mund, noch ganz erschrocken da, als schon die Mutter anstampfte und ihm das Hinterteil ordentlich versohlte. Die anderen Zwerglein standen rundherum und waren froh, dass sie nichts abbekamen.

Zwerglein 5 weinte ein bisschen, aber dann war er schon wieder lustig und spielte weiter mit seinem Ball, etwas vorsichtiger, verstand sich. Einige Tage war Frieden im Zwergenhaus, aber am Montag kam Zwerglein 4 mit einer Nachricht für die Zwergenmutter von der Schule nach Hause. Sie sollte dringend wegen Zwerglein 5 bei der Klassenlehrerin vorsprechen. Was mußte die beschämte Zwergenmutter hier hören. Zwerglein 5 war frech, er raufte mit seinen Zwergenkollegen, in der Pause schrieb er unanständige Sachen an die Tafel, und so weiter und so weiter....

Das gab ein schönes Geschimpfe und Verdresche als die Zwergenmutter ihr Zwerglein 5 zu fassen bekam. Die anderen Zwerglein verdrückten sich still und heimlich um nicht auch etwas abzufangen. Zwerglein 5 versprach Besserung, aber so ernst meinte er das nicht. Er konnte, auch wenn er sich sehr bemühte seine lustigen Einfälle nicht unterdrücken.

Mit der Zeit bürgerte es sich in der Zwergenfamilie ein, daß was immer auch passierte Zwerglein 5 schuld war und bestraft wurde. Zwerglein 1 hatte Geburtstag und Pine, die Zwergenmutter buk eine wunderschöne Torte, die sie am Abend zum Kühlen ins Fenster stellte. In der Früh versammelte sich die Zwergenfamilie in der Küche um Zwerglein 1 hoch leben zu lassen und die Torte anzuschneiden. War das eine Aufregung. Die Torte war total zerstört, an allen Seiten waren Stücke abgebissen. Der Zwergenvater packte Zwerglein 5 wortlos am Ohr, schleppte ihn hinaus und verdrosch ihn. „Ich war’s nicht, ich war’s nicht“, schrie der kleine Zwerg, doch keiner glaubte ihm.

Das kleine Zwerglein weinte bitterlich in seiner Kammer. Dann wurde es aber immer zorniger. Was dachte die Familie eigentlich von ihm? Ja gut, er hatte manchmal schlechte Scherze auf Lager, aber seiner großen Schwester die Torte zerstören, das war ja nicht einmal ein schlechter Scherz. Das Zwerglein beschloss, da ihm ja ohnehin keiner glaubte, sein Bündel zu schnüren und abzuhauen. Gesagt, getan.

Als die Familie sich zum Abendessen versammelte fand sie nur mehr einen Brief von Zwerglein 5: „Ich gehe weit fort und mach mich selbstständig. Macht euch keine Sorgen, ich komme schon zurecht“, stand in dem Brief. Pine war erschrocken, aber der Zwergenvater meinte gelassen: „ wenn er Hunger hat wird er schon wieder nach Hause kommen.“

Doch Zwerglein 5 kam nicht. Nicht am nächsten Tag und nicht in der nächsten Woche und nicht in den nächsten Monaten. Langsam gewöhnte sich die Familie an ein Leben ohne Zwerglein 5. Puhh war das langweilig ohne den lustigen kleinen Kerl. Und dann hatte Zwerglein 1 wieder Geburtstag. Die Mutter buk wieder eine wunderschöne Torte und stellte sie am Abend wieder zum Kühlen ins Fenster. Am nächsten Morgen, als sich die Familie zum Feiern wieder in der Küche versammelt hatte, staunten sie mit großen Augen. Die Torte war völlig zerstört, von jeder Seite war ein Stück abgebissen. „Zwerglein 5 ist wieder da“. piepste das kleinste Zwerglein mit leuchtenden Augen, doch weit und breit kein Zwerglein 5. Die Familie ließ die Köpfe hängen und der Zwergenvater und die Zwergenmutter schämten sich sehr. Wenn Zwerglein 5 diesmal gar nicht da war, hatte er wahrscheinlich beim letzten Mal die Torte gar nicht zerstört. Ihr Verdacht wurde bestätigt, als sie aus dem Fenster blickten und die Nachbarskatze mit Schlagobers verschmierten Mund davon sausen sahen.

Pine, der Zwergenmutter ging es sehr schlecht, sie fühlte große Gewissensbisse. Sie klagte sich ununterbrochen in Gedanken selbst an, ihr Zwerglein 5 aus dem Haus getrieben zu haben. Auch dem Zwerglein 5 ging es in der Fremde nicht sehr gut. Geschah etwas in seiner Umgebung, was nicht in Ordnung war, durchforstete er sein Gewissen, ob er nicht in irgendeiner Form etwas damit zu tun habe. Auch wenn er auch nicht den geringsten Anlass fand sich mit der schlimmen Sache in Verbindung zu bringen, wurde er ein unangenehmes Gefühl nicht los. Auch machte er sich Vorwürfe seine Mutter einfach verlassen zu haben, doch sein Stolz ließ es andererseits nicht zu, einfach wieder nach Hause zurückzukehren.

Das jüngste Zwerglein litt sehr darunter, daß sein Zwerglein 5 nicht da war. Es vermisste seine lustige Art. Auch litt es darunter, daß die Mutter nicht mehr lachen konnte und sich ununterbrochen beschuldigte. Es zerbrach sich den Kopf, wie es wieder Frieden und Freude in die Familie bringen konnte.

Es war ein paar Tage vor Weihnachten, als das jüngste Zwerglein es nicht mehr aushielt und sich aufmachte um Zwerglein 5 zu suchen. Es stapfte durch den tiefen Schnee, einfach immer der Nase nach. Es ging und ging ohne zu rasten. Von seiner Zwergenmütze hingen schon dicke Eiszapfen und die kleinen Zwergenschuhe waren völlig durchnässt, als es zwischen den Bäumen eine Gestalt auftauchen sah, auch mit Eiszapfen an der Zwergenmütze. „Mein Zwerglein 5“, rief das jüngste Zwerglein und stürmte auf die Gestalt los und umarmte sie. „Komm nach Hause, bitte“, flüsterte sie ins Ohr von Zwerglein 5. „Nein, ich kann nicht mehr zurück“, gab sich Zwerglein 5 hart. „Es ist doch Weihnachten, das Fest des Friedens und der Erlösung“, piepste das jüngste Zwerglein, „komm wir bringen einen Weihnachtsbaum für die Familie mit“. Da gab Zwerglein 5 nach. Gemeinsam suchten die beiden eine aufrecht gewachsene, starke Föhre aus, in Zwergenformat, versteht sich und schleppten sie nach Haus.

Das jüngste Zwerglein pochte an die Haustür und die Mutter öffnete. Mein Zwerglein 5 rief sie und riß die Eiszapfen behangene Gestalt in ihre Arme. Das war das schönste und friedlichste Weihnachtsfest, welches die Zwergenfamilie je gefeiert hatte. Alle gemeinsam schmückten die aufrechte Föhre, dabei lösten sich die Schuldgefühle in Nichts auf und als das Stille Nacht aus den Kehlen der Zwergenfamilie ertönte, spürte jeder, aber vor allem Pine und Zwerglein 5 die Geborgenheit, die Kraft und die Liebe der Familie.