Red Chestnut, das Reihenhaus

Es war einmal ein hübsches Reihenhaus, es hieß Red Chestnut. Es beherbergte eine vierköpfige Familie. Den Vater Tom, die Mutter Isolde, den Sohn Heribert und die Tochter Agathe. Auch zwei Katzen wohnten in ihm, Milli und Billy. Alles hätte so schön wie im Märchen sein können. Das Haus war solide gebaut, links mit einem Haus verbunden – Maximilian, dem Dunkelblauen und rechts mit einem Haus verbunden – der rosaroten Rosl. Red Chestnut selbst war semmelgelb und sein größter Stolz waren die neuen honigfarbenen Fenster. Vorne sah das Reihenhaus auf das Feld hinaus und natürlich auch auf das Familienauto – Hupfi. Hinten sah es auf den schmucken Garten, auf die ordentlich angelegten Gemüsebeete und den Swimmingpool. Wie gesagt alles wie im Märchen.

Doch Red Chestnut fühlte sich nur wohl, wenn die ganze Familie, inklusive Katzen und Auto zu Hause weilte. Das war in letzter Zeit selten. Schon zeitig in der Früh sah das Haus den Vater in sein Auto steigen und davonbrausen. Er war immer spät dran, weil er abends immer solange vor dem Fernseher saß und dann morgens nicht aufstehen konnte. Red Chestnut hatte Angst, daß er, so schnell wie fuhr in dem gewaltigen Stadtverkehr verunglücken konnte und beruhigte sich erst wieder wenn das Telefon klingelte und der Vater der Mutter erzählte, dass er gut angekommen sei.

Um halb acht verließen die beiden Kinder das Haus und gingen zur Schule. Da ihr Haus am Stadtrand stand, hatten sie einen weiten Fußmarsch vor sich und Red Chestnut war ständig besorgt, dass ihnen unterwegs etwas passieren könnte. Nur die Mutter blieb im Haus und das war die einzige Stütze für Red Chestnut. Doch so eine richtige Beruhigung war sie auch nicht mehr. Seit beide Kinder zur Schule gingen, besuchte sie so komische Kurse und las sehr viel. Red Chestnut versuchte immer wieder in die Seiten ihrer Bücher zu blinzeln. Es war völlig durcheinander was es hier sehen musste. Gemüsebeete nicht in Reih und Glied angelegt, geharkt und gezupft, nein das war schrecklich. Völlig verwildert sahen diese Beete aus.

Das Reihenhaus befürchtete das Schlimmste, als die Mutter bewaffnet mit Grabe gabel und Sauzahn sich im Frühling über die gepflegten Beete hermachte. Verwirrt blickte es mit seinen hinteren Fenstern. Sollte jetzt nicht ordentlich umgegraben werden, wie jeden Frühling? Was musste es sehen. Die Mutter stach mit der Gabel alle 10 cm in die Erde und bewegte sie hin und her, das war alles. Dann nahm sie den Sauzahn und fuhr völlig unkontrolliert, wie Red Chestnut meinte, in der Erde umher. Anschließend streute sie ein paar Samen ein und bedeckte alle Beete mit altem Gras und Sägespänen. War sie jetzt verrückt geworden. Wie sah das denn aus? Red Chestnut war sehr besorgt um den Geisteszustand der Mutter. Das Reihenhaus grübelte und grübelte, was war nur mit seiner Familie los. Wie war es am besten zu schaffen auf alle aufzupassen, damit nur alle gesund blieben und vor allem, was konnte es tun, damit keiner der Nachbarn die fürchterlichen Gemüsebeete sehen konnte? Das arme Haus konnte nicht mehr schlafen. Die Sorge drückte ihm die Luft zum Atmen ab. Es ächzte und stöhnte bei jedem Atemzug.

Das hörte eine Fee, die gerade über das Haus flog. Sie ließ sich bei Red Chestnut nieder und begann das Haus zu untersuchen. „Wenn du so weitermachst“, sagte die Fee, „bekommst du bald gar keine Luft mehr und deine Wände werden modrig und schimmelig“. „Ich bekomme keine Luft mehr“, sagte Red Chestnut weinerlich, „weil ich mich so um meine Familie sorge, dass der Druck auf meiner Brust immer größer wird“. „Wenn das so ist“, sagte die Fee freundlich, „dann will ich dir helfen, du hast drei Wünsche frei. „Ich habe nur einen Wunsch“ sagte das Reihenhaus, „Ich möchte, dass alle immer zu Hause sind, dann kann ich sie beobachten und brauche mich nicht mehr zu sorgen.“ „So sei es“, sagte die Fee freundlich und „schwupp“ waren alle Bewohner zu Hause. Red Chestnut atmete tief durch, jetzt war wohl alles in Ordnung.

Ein paar Tage war Red Chestnut völlig beruhigt. Die Familie war ein bisschen erstaunt, dass sie das Haus nicht verlassen konnte, aber bald gewöhnten sie sich daran. Der Vater schlief jeden Tag bis zu Mittag, die Kinder waren heilfroh nicht mehr zur Schule zu müssen und die Mutter hatte jetzt noch mehr Zeit für ihren Garten. Sie wandte sich jetzt dem gepflegten Vorgarten zu. Sie grub die in Reih und Glied stehenden Thujen aus und pflanzte sie rund um das Gemüsebeet wieder ein. Zum Windschutz, wie sie dem Vater erklärte. Red Chestnut war völlig fertig. Was war nur in die Mutter gefahren, sie zerstörte das ganze gepflegte und ordentliche Erscheinungsbild.

Die alten Sorgen kamen wieder. Doch es kam noch viel schlimmer. Jeden Tag wurde es wärmer und die Familie begann das Schwimmbecken zu reinigen und neues Wasser einzulassen. Da die Kinder ja das Haus nicht verlassen konnten, luden sie Kinder ein und alle tummelten sich im Schwimmbecken. War das ein Hallo. Da wurde gespritzt, gesprungen, untergetaucht. Red Chestnut riß seine hinteren Fenster weit auf. „Seid vorsichtig, es könnte sich einer verletzen oder gar ertrinken“, wollte das verzweifelte Haus schreien, aber es kam nur ein Ächzen heraus.

Da der Vater und die Mutter das Haus nicht verlassen konnten, luden sie sich Freunde ein. Jeden Abend spielten sie Karten bis tief in die Nacht. Es wurde ununterbrochen gegessen und getrunken. In der Früh gab es kein Frühstück mehr, auch das Mittagessen wurde oft ausgelassen. Das Haus sorgte sich um den Gesundheitszustand und die Moral seiner Familie.

Red Chestnut wollte tief Luft holen aber jetzt konnte es gar nicht mehr einatmen. Verzweifelt rang das Haus nach Luft. Das hörte die gute Fee und flog sofort herbei. Sie überblickte sofort was Red Chestnut mit seinem Wunsch angestellt hatte. „Du hast noch zwei Wünsche frei“, meinte sie freundlich „willst du nicht davon Gebrauch machen?“ Red Chestnut schüttelte verzweifelt sein Dach, es wusste nicht was er sich wünschen sollte um seine Sorgen endgültig loszuwerden. Darum bat es die Fee zu entscheiden.

Die Fee überlegte ein paar Minuten und dann hatte sie die Lösung. Mit dem zweiten Wunsch stellte sie den alten Zustand wieder her. Der Vater ging wieder zur Arbeit, die Kinder zur Schule und auch die Mutter durfte das Haus wieder verlassen um ihren Aufgaben außerhalb nachkommen. Mit dem dritten Wunsch zauberte sie zwei rotblühende Kastanienbäume herbei. Einen setzte sie zwischen Red Chestnut und dem Swimmingpool und einen in den Vorgarten zwischen Red Chestnut, Feld und Auto. So sah Red Chestnut nicht mehr was für „ungeheuerliche“ Dinge in dem Garten und auf der Straße vor dem Haus vor sich gingen und musste sich keine Sorgen mehr darüber machen.

Und außerdem passten die roten Kastanienbäume ausgezeichnet in den neu angelegten Biogarten.