Rock Water, die kluge Forelle

Es war einmal ein Fisch, der Rock Water hieß. Er gehörte zur Gattung der Forellen und lebte in einem klaren Gebirgsbach. Rock Water war ein sehr gescheiter Fisch, der eine gute Beobachtungsgabe besaß. Er beobachtete, dass von Zeit zu Zeit ein seltsames Ding mit gutschmeckenden Brocken ins Wasser fiel und wenn eine der Forellen nach diesem Brocken schnappte wurde sie mit einem plötzlichen Ruck aus dem Wasser gezogen. Rock Water beobachtete weiter, was mit seinen Kollegen geschah.

Sie wurden von zweibeinigen Wesen, die sich Menschen nannten, an Land geschleudert und anschließend in einem Kübel aufbewahrt. Dochg nicht alle, sondern nur die großen Forellen Rock Water zerbrach sich sein gescheites Köpfchen warum die Menschen das wohl taten, aber er fand keine Lösung.

So begab er sich flussabwärts zu einem Lehrer um die Menschensprache zu lernen. Da er so klug war, konnte er alsbald die Worte der Menschen verstehen und er legte sich auf die Lauer um ihnen zuzuhören. „Wirf ihn zurück, der ist zu klein“, hörte er rufen und platsch flog eine junge Forelle wieder ins Wasser. Vor Schmerzen schreiend tauchte sie davon, aber das konnten die Menschen natürlich nicht hören.

Rock Water schwamm der schmerzgeplagten Forelle nach und begann mit ihr ein Gespräch. Nur undeutlich konnte sie sich verständigen, aber Rock Water bekam mit, dass ein spitzer Gegenstand sich in ihr Oberkiefer gebohrt hatte, sobald sie nach dem Brocken geschnappt hatte. Rock Water verbrachte mehrere Tage mit der Verletzten und sah, dass sie bald wieder genas. Jetzt interessierte ihn nur noch was mit den im Kübel verbliebenen Kollegen geschah und er legte sich wieder auf die Lauer.

Eines Tages hatte er Glück. Er sah wieder wie einige seiner Kollegen nach dem Köder schnappten und herausgezogen wurden. Dann hörte er Feuer prasseln. Er reckte seinen Kopf weit aus dem Wasser und dann stockte ihm der Atem. Ein Mensch steckte gerade eine Forelle auf einen Spieß und hielt ihn über das Feuer. Rock Water tauchte tief auf den Grund. Doch dann zog ihn seine Neugier wieder nach oben und er steckte seinen Kopf wieder weit aus dem Wasser. Er sah, wie der Mensch den Spieß mit der Forelle vom Feuer nahm und auf einen Teller legte, sie zerteilte und mit sichtlichem Genuss zu essen begann.

Jetzt wusste Rock Water aus welchem Grund die wohlschmeckenden Brocken ins Wasser fielen und er nahm sich vor sie zu meiden, so gut es nur ging. Aber er ging noch weiter. Sollte sich doch einmal so ein schmerzhafter Haken in seinen Kiefer bohren, wollte er so klein und mager sein, dass er wieder zurückgeworfen wurde.

Er reduzierte seine Nahrungsaufnahme auf das allernotwendigste und stellte sich ein Trainingsprogramm zusammen. Jeden Tag schwamm er gegen die Strömung soweit seine Kräfte reichten, ließ sich dann mit der Strömung mittreiben und begann wieder gegen die Strömung zu schwimmen. Das tat er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Schon nach kurzer Zeit war Rock Water nur mehr ein Forellchen, klein und mager.

Er hatte sein Ziel erreicht. Doch er beendete weder sein Training, noch erweiterte seine strengen Ansichten. Er hielt an den alten Gewohnheiten fest und wurde immer dünner. Seine Kräfte ließen nach, kaum konnte er seine Flossen bewegen. Und so hatte er keine Kraft mehr gegenzusteuern, als ihn die Strömung auf einen wohlriechenden Brocken zutrieb. Sein Geist schrie auf, doch sein Magen ließ sich nicht bezwingen und wie von selbst öffnete sich sein Maul.

Schmerz durchzuckte ihn als der Haken sich in seinen Oberkiefer bohrte. „Gleich ist es vorbei“, dachte Rock Water, „der Mensch wird sehen wie winzig ich bin und wird mich zurückschmeißen“. Er zappelte in der Luft und hörte eine jauchzende Bubenstimme: „angebissen, angebissen“! Rock Water wurde vorsichtig vom Haken gelöst und in einen Kübel mit Wasser geschmissen. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor dachte er verwundert: „Ich bin doch viel zu mager, warum hat der Mensch mich nicht wieder in den Fluss geworfen.“

Rock Water erwachte durch die unrhythmische Bewegung des Wassers. Unsanft wurde er immer wieder gegen die Wände des Kübels geschleudert. Sein Geist begann klarer zu werden und er war fassungslos darüber, dass seine wohlüberlegten Überlebenspläne so schief gegangen waren. Da hörte er wieder die Stimme des Menschen und noch eine zweite, tiefere Stimme war zu hören: „Schau der lebt ja gar nicht mehr, wirf ihn ins Wasser.“ Die hellere Stimme protestierte laut, doch dann wurde der Kübel aufgehoben und mit einem unsanften Ruck ergoss sich der Inhalt in den Gebirgsbach. Rock Water verlor wieder die Besinnung.

Am Grund des Baches regte sich die magere Forelle wieder und begann instinktiv Nahrung zu suchen. Doch sobald die ersten Bissen in Rock Water’s Magen gelangt waren, erwachte sofort wieder sein strenger Geist und verbot zu essen.

Rock Water nahm sein Training sofort wieder auf. Wahrscheinlich war er doch noch zu fett. Er schwamm meilenweit gegen die Strömung und gönnte sich keine Ruhepause. So gelangte er zum Ursprung seines Gebirgsbaches. Es war eine silberhelle klare Quelle. Zum ersten Mal seit seinem „Landaufenthalt“ gönnte sich Rock Water eine Pause und begann Nahrung aufzunehmen. „Mehr, noch mehr“, drängte sein Magen und der Geist gab plötzlich diesem Drängen nach. Rock Water blieb einige Tage in diesem Gewässer und wurde wieder runder und größer. Er erkannte, daß es ein Mittelmaß zwischen Mager und Fett geben müßte und daß ein noch so kluger Geist, keine Macht gegen einen hungrigen Fischmagen hatte