Scleranthus, die Spatzenfrau

Es war einmal eine Spatzenfrau. Sie war sehr hübsch. Darum bewarben sich viele Männer um sie. Zwei der Bewerber gefielen ihr besonders gut, aber sie konnte sich nicht entscheiden, welchen der beiden sie haben wollte. Einer hatte mehr braune, der Andere mehr schwarze Federn Nach langem Hin und Her überlegen entschied sie sich für den mit den braunen Federn.

Sie feierten Hochzeit und begannen ein Nest zu bauen. Die Spatzenfrau war aber unzufrieden. Immer wieder musste sie an den schwarzgefiederten Spatzenmann denken. Vielleicht hätte dieser doch besser zu ihr gepasst. Im Laufe der Nestbauzeit entdeckte sie an ihrem Mann mehrere Eigenheiten die ihr nicht so gut gefielen und das verstärkte in ihr das Gefühl, dass der Andere doch besser zu ihr gepasst hätte. Da sie wusste, dass man Ehemänner nicht umtauschen kann, wie ein paar Schuhe, traf sich Scleranthus, die Spatzenfrau heimlich mit dem schwarzgefiederten Mann. Nach mehreren Treffen, erkannte sie auch an ihm verschieden Eigenheiten, die ihr nicht gefielen. Wenn sie jetzt bei ihm war, dachte sie immer an ihren braungefiederten Mann. Ihre Not wurde immer größer. War sie bei dem Einen gefiel ihr der Andere und umgekehrt. Immer wenn sie so im Schwanken war und sich nicht entscheiden konnte, flog sie zu ihrer Freundin, der Eule und bat sie um Rat. Die Eule beriet Scleranthus, so gut sie konnte. Die Spatzenfrau nahm aber keinen ihrer Tipps an, sondern flog nach dem Gespräch wieder zu einem ihrer beiden Männer. Je nachdem welcher ihr an diesem Tag besser gefiel.

Wenn es ihr dann nicht so gut ging, kam sie wieder zur Eule. Dieser ging das schon gewaltig auf die Nerven, denn Scleranthus begann ihre Unfähigkeit sich entscheiden zu können auch auf alle Nestfragen zu beziehen. Rote oder blaue Vorhänge, eine gelbe oder eine zartrosa Eingangstür und so weiter. Sobald die Eule Scleranthus sah, hatte sie etwas sehr Wichtiges zu erledigen und musste dringend weg. Scleranthus behielt normalerweise ihre Probleme für sich, nur der Eule hatte sie sich anvertraut. Und als diese für sie nicht mehr erreichbar war, stand sie mit ihrer Not alleine da.

Traurig flog sie über eine Wiese, die Tiere abgeweidet hatten und vergoss viele Tränen. Dadurch sah sie sehr schlecht und musste landen, um ihre Augen zu trocknen. Sie setzte sich auf eine Pflanze, die ihr wie ein Kissen erschien. Sie kuschelte sich tief in die zahlreich verzweigten Stiele dieser Pflanze, wischte sich ihre Tränen ab und begann nachzudenken. Plötzlich überkam sie so eine Klarheit, wie Scleranthus es noch nie erlebt hatte. Sie wusste plötzlich sie gehörte zu ihrem braungefiederten Mann.

Aller Kummer, der sie bisher betrübte fiel von ihr ab und sie wusste, was sie zu tun hatte. Sie erhob sich in die Luft und flog zu ihrem Nest, wo ihr Mann eifrig baute. Sie umarmte ihn und war glücklich bei ihm zu sein. Ohne zu zögern wählte sie die Möbel und die Vorhänge für ihr Nest aus und der Spatzenmann half ihr die Einrichtung ins Nest zu bringen. Ohne Scleranthus Unentschlossenheit, ging der Nestbau viel schneller voran. Bald saß das Spatzenehepaar vor ihrem fertigen Heim. Der Spatzenmann bewunderte die zartrosa Eingangstür und die blauen Vorhänge gebührend. Dann nahm Scleranthus ihren braunen Spatzenmann bei der Hand und ging mit ihm ohne zu zögern in ihr Haus.

Bevor die jungen Spatzen schlüpften, besuchte Scleranthus ihre Freundin, die Eule. Diese hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie der Spatzenfrau so oft ausgewichen war. Doch Scleranthus dankte ihr dafür, sonst hätte sie sicher nicht das schöne Erlebnis mit der kissenartigen Pflanze gehabt. ”Was mag das wohl für ein Gewächs gewesen sein”, wollte sie von ihrer Freundin wissen. Die kluge Eule, die viel herumkam, erinnerte sich an den Namen: ”das war sicher der Einjährige Knäuel, der dir zu der klaren Entscheidung geholfen hat.”

Die beiden Vogelfrauen plauderten noch eine Weile über das Erlebnis von Scleranthus und dem Einjährigen Knäuel.

Dann war es Zeit für die Spatzenfrau nach Hause zu fliegen. Sie verabschiedeten sich sehr herzlich. Scleranthus flog glücklich nach Hause zu ihrem Mann und bald schlüpften auch die kleinen Spatzenkinder aus ihren Eiern und machten dem Spatzenpaar viel Freude.