Star of Betlehem, die kleine Haselmaus

Es war einmal eine kleine, hellbraune Haselmaus. Sie hieß Star of Betlehem, weil sie einen sternenförmigen Fleck auf ihrem hellbraunen Fell hatte. Wie ihr sicher wisst, wohnen Haselmäuse im dichten Geäst. Ihre kugelrunden Nester aus Halmen, Moos und Bast sind kaum zu finden. Haselmäuse sind Meister im verborgenen Leben.

Unsere Haselmaus hatte auch so ein rundes Nest in einer verborgenen Rosenhecke gebaut und drei süße junge Haselmäusekinder kamen dort zur Welt. Star of Betlehem verließ ihr Nest nur wenn es dunkle war und blieb den ganzen Tag bei ihren Kindern. Erst am Abend, wenn der helle Mond schien machte sie sich auf um Bucheckern und Eicheln zu sammeln.

Eines Nachts kam sie zu ihrem Nest zurück. Sie hatte eine besondere Leckerei für ihre Kinder in den kleinen Pfoten – Haselnüsse. Den ganzen Heimweg freute sie sich schon auf die leuchtenden Augen ihrer Kinder beim Haselnuss knabbern. Schon beim Eingang zum Nest beschlich sie Unbehagen, weil sie das freudige Piepsen ihrer Kinder nicht hörte. Sie ließ die Haselnüsse fallen und stürmte in ihre Wohnung. Verzweifelt drehte sie jeden Halm um, zerlegte das ganze Nest, doch sie konnte ihre Kinder nicht finden. Nachdem sie auch die Rosenhecke durchsucht hatte und ihre Kinder noch immer nicht fand, setzte sie sich einfach hin und begann verzweifelt zu weinen.

Bilder aus ihrer Kindheit stiegen in ihr hoch. Sie erinnerte sich genau an den Tag an dem sich ihr friedliches Kinderleben total veränderte. Es war in einer Vollmondnacht. Ihre Geschwister und sie lagen behaglich aneinander gekuschelt in ihrem Nest, als grauenvolles Schreien die Nacht erfüllte. Panisch sprangen die kleinen Mäuse auf und sprangen aus dem Nest. Star of Betlehem duckte sich in eine Erdmulde und nur ihre kleinen Knopfaugen schauten über den Rand. Sie sah den Fuchs auf ihre Mutter losgehen. Diese wehrte sich verzweifelt und schrie. Doch das nützte ihr nichts. Der Fuchs packte sie mit dem Maul und lief geräuschlos davon. Stille erfüllte den Wald. Von Grauen und Entsetzen gepackt, sprang Star of Betlehem aus ihrer Erdmulde und rannte und rannte bis sie in ein Gebiet kam, das sie noch nie gesehen hatte. Hier legte sie sich erschöpft unter einen Haselnussstrauch und schlief ein.

So ist unsere Haselmaus in diese Gegend gekommen. Sie knabberte einige Haselnüsse und dann war es schon Zeit für den Winterschlaf. Das war ihr nur recht, denn sie konnte das schreckliche Bild des Fuchses nicht vergessen.

Im nächsten Frühling erwachte Star of Betlehem, wie gerädert. Viele Alpträume hatten sie gequält. Doch ihrem Instinkt folgend baute sie ihr kugelrundes Nest an einer verborgenen Stelle und als ihre drei Jungen zur Welt kamen, vergaß sie vor Liebe zu ihnen das schreckliche Erlebnis. Zumindest bis heute....

Star of Betlehem hockte die restliche Nacht und den folgenden Tag bewegungslos unter der Rosenhecke, sie war wie betäubt. Immer wieder dachte sie an ihre Mutter und an ihre Kinder. Die schrecklichsten Bilder brannten sich in ihre Gedanken. Sie hörte und sah nichts mehr.

So hörte sie auch ein verzagtes dreifaches Wimmern aus der Gegend, wo das ruinierte Nest stand nicht. Erst als dieses Wimmern zu einem lauten Gepiepse wurde drang es an ihr Ohr. So schnell sie konnte huschte die Haselmausmutter in den Rosenstrauch und sah ihre drei Kinder mit weißen, sternenförmigen Blumen in der Hand vor dem Eingang des Nestes stehen. Sie rannte weinend auf sie zu und schloss sie in ihre Arme. Als die letzten Tränen getrocknet waren, sammelten die Haselmauskinder die Haselnüsse, die Star of Betlehem fallen gelassen hatte, ein und gemeinsam hielten sie Mahl. Nachdem alle satt waren, erzählte der älteste Haselmäusebub, was sie erlebt hatten.

Der Siebenschläfer hatte den Haselmäusekindern von einer weißen Blume erzählt, die genau so aussehen sollte, wie der Stern auf Star of Betlehems Fell. Und weil die Mutter ja bald Geburtstag hatte, machten sich die drei Kleinen auf den Weg, um diese Blume zu finden. Sie kletterten, sobald die Mutter das Nest verlassen hatte, aus ihrem sicheren Versteck und gingen den kleinen Feldweg, den der Siebenschläfer beschrieben hatte, entlang. Hier verirrten sie sich und kamen in ein Dickicht. Sie wussten nicht mehr in welche Richtung sie gehen sollten und so liefen sie stundenlang im Kreis. Die jüngste Haselmaus begann bitterlich zu schluchzen und wollte nicht mehr weitergehen. Sie hockte sich einfach ins dürre Gras. Ihre beiden Brüder setzten sich neben sie. Da zog ein heller weißer Stern ihre Aufmerksamkeit auf sich. „Das ist die Blume für die Mutter“, riefen sie und stürmten los. Die Kleine stolperte hinter ihnen her. Wirklich, es war der gesuchte Milchstern. Jedes Kind brach eine Blüte ab und hielt sie im Weitergehen vor sich hin. Der Milchstern leuchtete so klar und rein, es war, als ob er ihnen den Weg zeigen wollte. Und so fanden sie ohne Umweg nach Hause.

Star of Betlehem hörte aufmerksam zu, die weißen Sternenblumen an die Brust gedrückt und immer wieder musste sie sich die Tränen aus den Augen wischen.