Sweet Chestnut, der Weinstock

Es war einmal ein Weinstock. Einstmals stand er in einem stolzen Weingarten, mitten unter vielen Weinstöcken. Die liebste Zeit im Jahr war ihm der Herbst gewesen, weil er da voll von schönen roten Trauben war, die er gerne den Menschen schenkte, die ihn das ganze Jahr über hegten und pflegten. Doch der Weinbauer und seine Frau waren gestorben und niemand kümmerte sich um den Weingarten. Nach und nach ging ein Weinstock nach dem anderen ein. Sweet Chestnut, so hieß der Weinstock fühlte sich allein und von Gott verlassen.

Da ihn niemand pflegte, konnte er auch keine großen roten Trauben mehr hervorbringen. Aber eigentlich war das ja auch egal, weil es war ja niemand da, dem er seine Früchte schenken konnte. Er wollte auch nicht mehr mit den Vögeln, die ihn ab und zu besuchten sprechen. Er dachte: ”mein Leid ist so groß und unabänderlich. Ich warte nur darauf, dass alles vorbei ist und ich meine ewige Ruhe habe. Eine trostlose Nacht löste einen trostlosen Tag nach dem anderen ab.

Es war schon Hochsommer und die Vögel besuchten den Weingarten jetzt öfter, weil sie Nahrung für ihre Jungen suchten. Ein Star setzte sich auf einen halbverdorrten Ast von Sweet Chestnut und suchte nach Trauben. Er hielt einen blühenden Zweig einer Edelkastanie im Schnabel, mit dem er sein Nest ausbessern wollte. Die cremig gelben Blüten des Zweiges fielen ab, direkt auf die Erde rund um den alten Weinstock. Doch Sweet Chestnut bemerkte das in seiner Trauer nicht einmal. Die Wolken am Himmel zogen sich zusammen und es begann zu regnen. Der Star suchte Schutz im Laub von Sweet Chestnut. Die Regentropfen fielen schwer zu Boden und benetzten die Kastanienblüten rund um Sweet Chestnut. Mit dem Wasser verbunden sickerte die Kraft der Blüten in das Erdreich, direkt zu den Wurzeln von Sweet Chestnut. Er fühlte plötzlich schon lange vergessene Wärme im Herzen und er richtete seinen Blick nach oben. Da, ein Sonnenstrahl blinzelte ihm durch die Wolkendecke zu. Auch der Star sah diesen Sonnenstrahl und kletterte aus dem schützenden Laub, in der Hoffnung der Regen würde aufhören und er könnte weiterfliegen. Doch er musste sich noch etwas gedulden und so begann er ein Gespräch mit dem alten Weinstock.

Dieser redete sich zum ersten Mal seinen Kummer von der Seele. Der Star hörte ihm zu und versuchte ihn zu trösten. ”Weißt du”, erzählte er, ”wir Stare fressen unheimlich gern Weintrauben, aber die Menschen ersinnen sich viele Mittel um uns zu vertreiben, so dass wir meist auf diese Köstlichkeit verzichten müssen.” Da hatte Sweet Chestnut eine Idee: ”Du könntest doch mit deiner Familie zu mir kommen. Ich schenke euch alle meine Trauben. Wenn ich mich bemühe, kann ich noch mehr Nahrung aus dem Boden aufnehmen und dadurch werden meine Trauben wieder größer und süßer.” ”Das würdest du für uns tun?” Fragte der Star ganz aufgeregt. So verblieben Sweet Chestnut und der Star. Beide waren sehr glücklich. Der Star weil er Trauben für seine Familie ohne Angst haben konnte und Sweet Chestnut, weil er endlich wieder seine Trauben verschenken durfte.