Vervain die Bergziege

Es war einmal eine Bergziege, die Vervain hieß. Sie war die mutigste Ziege ihrer Herde. Stundenlang kletterte sie die steilsten Felsen hinauf um die feinschmeckendsten Kräuter zu erlangen. Die anderen Bergziegen staunten immer wieder, wenn sie sahen, wie geschickt Vervain kletterte.

Da Vervain nur besondere Kräuter fraß, war sie eine besonders schöne Ziege mit glänzendem, weißen Fell und sehr harten Hörnern. Mit diesen Hörnern setzte sie sich gegen jeden Gegner im Kampf durch und bald war sie Anführerin der Herde.

An dem Tag, an dem sie zur Herdenführerin gekrönt wurde, schaute sie auf ihr Volk herab und sah, dass die wenigsten Ziegen wirklich vor Gesundheit strotzen. Sie beschloss sofort Maßnahmen zur Beseitigung dieses „untragbaren“ Zustandes zu ergreifen. Jede Ziege musste sich zum Ziegenmedizinmann begeben. Der Medizinmann erstellte für jede Ziege ein Gesundheitsgutachten, welches er Vervain mit Vorschlägen zur Verbesserung vorlegte. Gemeinsam besprachen sie die Maßnahmen, die getroffen werden sollten. Jede Ziege bekam einen Pass, in den sie die von ihr gefressenen Kräuter und die Menge eintragen musste. Dieser Pass wurde wöchentlich vom Medizinmann kontrolliert und das Ergebnis in eine Statistik eingetragen. Diese Statistik ergab, dass der Durchschnitt der Ziegen sich fehlernährte, vor allem fraßen sie zu viel und zu minderwertig.

Vervain studierte die Berichte des Medizinmannes und beschloss die Freßkultur ihres Volkes sofort zu ändern. Alle sollten sich nur mehr von den wohlschmeckenden Kräutern in den Felsen ernähren. Sie erstellte ein Konzept, das sie ihrem Volk verlautbaren ließ:

Jede Ziege hat ab sofort täglich zwei Stunden am Kletterunterricht teilzunehmen.

Jeder Ziege ist es auf strengste untersagt, minderwertige Kräuter aus den unteren Regionen zu sich zu nehmen

Jede Ziege ist verpflichtet morgens, mittags und abends unter Führung der Anführerin zu den begehrten Kräutern klettern und pro Mahlzeit 20 Minuten äsen.

Bei Nichtbeachtung dieser Vorschriften erfolgt der Ausschluss aus der Herde.

Die Anführerin

Die Ziegen waren erschüttert. Sie wurden verpflichtet all ihre liebgewordenen Gewohnheiten aufzugeben und noch dazu halsbrecherische Klettertouren zu unternehmen. Aber sie müssten sich fügen. Tag für Tag nahm Vervain mit ihrer Herde den Aufstieg in die Felsen in Angriff. Jeden Tag forderte dieser Kampf ihre Opfer. Die Krankenstation des Medizinmannes war völlig überfüllt mit Ziegen, die verstauchte oder gar gebrochene Beine hatten. Der Medizinmann warnte Vervain. Sie sollte doch ein bisschen Nachsicht üben, vor allem mit den jüngsten und den betagtesten Ziegen. Doch Vervain war von ihrem Vorhaben, die gesündeste Herde zu führen, nicht abzubringen. Eines Tages war es soweit, eine der älteren Ziegen stürzte so unglücklich, dass sie vom Felsen rutschte und sich den Hals brach.

Die ganze Herde war verzweifelt, auch Vervain. Doch noch immer wollte sie ihren Plan nicht aufgeben oder zumindest entschärfen, im Gegenteil. Sie verlängerte das Klettertraining um zwei Stunden pro Tag. Ihr armes Volk. Jeden Tag wurde es müder und müder, magerer und magerer. Viele Ziegen hatten keine Milch mehr für ihre Kleinen. Die Krankenstation musste ausbauen. Jeder Raum war vollgestopft mit verletzten Ziegen. Das größte Problem ergab sich aus der Nahrungsversorgung. Womit sollten die Verletzten ernährt werden?

Dieses Problem konnte Vervain nicht lösen. Auch ihre besten Kletterer waren nicht in der Lage genügend Futter von den Felsen herunter zu transportieren. So zog Hunger in die Krankenstation ein.

Vervains Volk schrie und klagte, doch die Anführerin war so von ihrem Plan zur Volksgesundheit besessen, dass sie nicht von ihm abweichen wollte.

Da griff der Medizinmann zu einer List. Er stieg heimlich mit zwei Helfern nach unten ins Tal. Dort wuchs eine Pflanze, die er als Eisenkraut kannte. Diese Pflanze war äußerlich den Felsenkräutern sehr ähnlich. Körbeweise transportierte er sie in seine Krankenstation und gab sie dem hungrigen Volk, just als Vervain die Station betrat. Misstrauisch beäugte sie die Körbe, steckte ihr Maul hinein und kostete. Alle sahen sie gebannt an. Doch es geschah nichts außer, dass Vervain sich umdrehte und sich in ihre Räume zurückzog.

Am nächsten Morgen wurde die alte Verlautbarung mit einer Neuen überklebt

Jeder Ziege steht es frei am Kletterunterricht teilzunehmen

Jeder Ziege steht es frei ihre Nahrung zu suchen wo sie möchte

Jede Ziege ist für ihren Gesundheitszustand selbst verantwortlich

Jede Ziege kann selbst entscheiden wie viel sie fressen möchte

Die Anführerin