Vine, der Kapitän

Es war einmal ein Kapitän eines großen Schiffes der Vine hieß. Das Schiff war ein riesiger Luxusdampfer, auf dem viele Menschen ihre Ferien verbrachten. Die meisten hatten lange auf so einen Traumurlaub gespart und genossen ihre Reise um die Welt in vollen Zügen.

Vine hatte große Verantwortung zu tragen und sein Tag war völlig ausgefüllt. Um sieben Uhr saß er schon bei der Mannschaftsbesprechung. Besprechung war eigentlich zu viel gesagt. die Mannschaft musste nach Größe geordnet antreten und Vine kontrollierte ob die Uniformen richtig saßen, alle goldenen Knöpfe blank poliert waren, die Schuhe glänzten, kurz und gut ob alle so gekleidet waren, wie es sich seiner Meinung nach schickte. Nach der Begutachtung durften seine Mitarbeiter bequem stehen und er gab seine Anweisungen für diesen Tag, rügte Vorkommnisse des vorigen Tages. Besonders wenn ein Mannschaftsmitglied einem Gast zu nahe getreten war, wurde er von Vine völlig fertiggemacht.

Danach begab sich Vine zum Kapitänstisch um mit den von ihm ausgewählten Gästen zu frühstücken. Es wurden Höflichkeiten ausgetauscht und Gemeinplätze besprochen. Alle Gäste redeten Vine nach dem Mund, sie wollten ja wieder die Auszeichnung erfahren, an seinem Tisch Platz nehmen zu dürfen. Vine hielt lange Vorträge über sich und seine Ansichten und alle stimmten ihm zu. Das gleiche geschah beim Abendessen. Vine sonnte sich darin von allen gehört und geachtet zu sein. Er bemerkte nicht, wie so manch einer die Augen sanft gen Himmel wandte, wenn er referierte und froh war wenn die Abendtafel aufgehoben wurde.

Am liebsten verordnete Vine seiner Mannschaft und den Reisenden Rettungsübungen. Zu den unmöglichsten Zeiten wurde Alarm geblasen. Alle Passagiere mussten mit Schwimmwesten an Bord antreten. Die Mannschaft kümmerte sich um die Rettungsboote. Sie wurden ins Wasser gelassen und die Passagiere mussten sich Hals über Kopf hineinstürzen. Nach einer Stunde war der Zauber vorbei und die Gäste durften sich wieder in Ferienstimmung begeben. Vine genoss es derartig durch sein Megaphon Befehle zu schreien und zu beobachten, wie die ganze Menschenmenge seinen Anweisungen folgte, dass er gar nicht anders konnte, als sich das Schauspiel mindestens alle zwei Tage zu wiederholen.

Eines Tages trieb er es zu weit. Mitten in der großen Mitternachtsgala ertönte das Alarmsignal. Die tanzende Menge spitzte widerwillig die Ohren. Die Mannschaft machte sich bereit um die Boote ins Wasser zu lassen. Da riß einer der Passagiere Vine das Megaphon aus der Hand und schrie hinein: „Wollt ihr üben?“ „Nein“, ertönte es aus vielen Kehlen, „wir wollen tanzen und unseren Abend genießen.“ „Sehen sie“, sagte der Passagier zu Vine, „wir wollen tanzen, veranstalten sie ihre Übung allein“. Aus Richtung der Mannschaft ertönte schadenfrohes Gelächter. In Vine kam das Blut zum Kochen. Er holte aus und schlug den Passagier mit einem wohlgesetzten Kinnhaken nieder. Dann riß er sein Megaphon an sich und brüllte hinein: „Alle Mann sofort in die Rettungsboote“ und die Passagiere fügten sich. Vine stolzierte zufrieden in seine Kapitänsgemächer.

Dort hatte ihm einer von den jungen Stewards die Zweige des wilden Weines, die er bei dem Landausflug auf Kreta geschnitten hatte in einer Vase auf den Tisch gestellt. Vine setzte sich an den Tisch und schenkte sich ein Glas Port ein. Das tat er immer, wenn er mit sich zufrieden war, weil er sich durchgesetzt hatte. Als er die Flasche abstellte, fiel durch die Erschütterung eine Blüte der Zweige in sein Weinglas, doch Vine bemerkte das nicht. Er lehnte sich zurück, nahm einen genüsslichen Schluck des roten Getränks, rollte ihn genüsslich auf der Zunge und schloss die Augen.

Doch heute stellte sich das zufriedene Machtgefühl nicht ein. Die Szene, wie er den Passagier in seiner Wut niedergeschlagen hatte, zog vor seinen Augen vorbei. Entsetzen machte sich in ihm breit. Was hatte er getan. Er hatte seine Kompetenzen weit überschritten, das wurde ihm klar.

Vine war immer für Klarheit und Ordnung. Und so reagierte er auch jetzt seinen Prinzipien getreu. Er marschierte in den großen Tanzsaal und ergriff das Mikrophon des Sängers. Totenstille trat in den Saal und die Menschen blickten in Erwartung neuer Anweisungen zu ihm auf, auch der niedergeschlagene Passagier. Vine räusperte sich ein paar Mal, leicht fiel es ihm nicht die richtigen Worte zu finden. „Meine Damen und Herren, liebe Passagieren, liebe Mannschaft! Ich möchte mich in aller Form für die Szene während der Übung entschuldigen, vor allem bei dem Herren der meine Faust zu spüren bekam. Ich weiß, ich habe meine Kompetenzen überschritten und bitte sie demütigst mir zu verzeihen.“

Noch während er nach weiteren Worten suchte, ertönte das Alarmsignal. Alle blickten erschrocken auf und Vine brüllte in das Mikrophon: „Bitte alle Ruhe bewahren“. Ein Steward trat an Vine heran und flüsterte: „Feuer im Maschinenraum“. Vine überlegte kurz und sagte dann: „Meine Damen und Herren ich fürchte es ist der Ernstfall eingetreten. Was uns jetzt am meisten schaden würde, wäre Panik. Also bitte ich sie, sich so wie bei den Übungen zu verhalten, ruhig und gelassen.“

Die Menge nahm sich seine Worte zu Herzen, denn sie verließen sich auf ihn und seine ruhige, vertrauensvolle Ausstrahlung. Einer nach dem anderen stieg an Deck und von dort in die Rettungsboote, obwohl hinter ihnen das Feuer schon hell loderte. Als die Rettungsboote, in denen alle Passagiere und die Mannschaft wohlbehalten saß, abgelegt hatten explodierten einige Teile des Luxusdampfers und er sackte langsam unter Wasser. Die Menschen in den Rettungsbooten sprachen ein Gebet des Dankes und manch einer schloss Vine und seinen Übungsdrill darin ein.