White Chestnut, die Biene

Es war einmal eine Biene, die sehr arbeitsam war und sich wenig Ruhe gönnte. Das hatte auch einen Grund. Sobald sie sich gemütlich niedergelassen hatte, erschienen in ihrem Kopf lauter unangenehme Gedanken. Ständige Sorgen, unerfreuliche Situationen, die sie erlebt hatte, auch wenn sie schon lange her waren ließen sich nicht verscheuchen. Und so waren Ruhepausen eher eine Qual, als eine Erholung. In den letzten Tagen kam es sogar schon soweit, dass sich diese negativen Gedanken auch während ihrer Arbeit einschlichen. Sie drehten sich in ihrem Kopf im Kreis und störten ihre Konzentration. So konnte sie ihre Arbeit bald nicht mehr hundertprozentig erledigen. Oft durchzuckten sie Gedanken, wie zum Beispiel: ”White Chestnut, kannst du dich noch erinnern, wie du dich auf deinem Abschlussball blamiert hast?” Dann erzählte sich White Chestnut immer wieder selbst, was sie damals tun oder sagen hätte müssen. Oder es kam der Gedanke: ”White Chestnut, du bist so vergesslich” und dann zählte sich White Chestnut ständig auf, was sie nicht vergessen dürfe.

So geplagt konnte sie sich mit den anderen Bienen kaum mehr vernünftig unterhalten. Ihre Worte kreisten, wie ihre Gedanken. White Chestnut fühlte sich immer unruhiger und rastloser. Sie konnte ihren inneren Frieden nicht einmal im Schlaf mehr finden. Dann kam der Mai und die Rosskastanien bäume begannen zu blühen. Die Bienenkönigin hatte White Chestnut rufen lassen und ihr befohlen nur mehr diese Bäume zu besuchen. Der Pollen aus den Blüten der Roßkastanie war leichter zu sammeln, als von kleineren, selternen Blumen und Pflanzen, denn der Bienenkönigin war zu Ohren gekommen, dass White Chestnut ihre Arbeit nur mehr mangelhaft erledigte. So wollte sie ihr eine Chance geben in diesen großen Blüten bei gleicher Arbeitszeit mehr Pollen zu sammeln. White Chestnut war geknickt. Normalerweise bekamen die jungen Bienen solche Aufträge und nicht altgediente Mitarbeiterinnen. Doch sie musste sich fügen. Sie flog mit ihrem Körbchen von einer Blüte zur anderen. Die einzige Abwechslung war, dass einige Blüten weiß und andere rosafarben waren. Nach einigen intensiven Sammeltagen fühlte White Chestnut sich plötzlich wohler. Sie bemerkte, dass ihre Gedanken viel klarer wurden und sie aus dem Teufelskreis der immer wiederkehrenden Sätze ausbrechen konnte. Glücklich gönnte sie sich eine Ruhepause auf einer Blütenkerze des Rosskastanienbaumes, den sie gerade besucht hatte. Sie wartete geradezu auf das übliche Kreisen in ihrem Kopf. Doch nur tiefer innerer Frieden erfüllte sie.

Die Pause erfrischte White Chestnut sehr und konzentriert flog sie von Blüte zu Blüte und sammelte den wichtigen Pollen. Ihr Körbchen war am Abend so schwer, dass zwei andere Bienen ihr helfen mussten, es in den Bienenstock zu bringen. Die Königin war beim Pollenwiegen anwesend und staunte über die Menge, die White Chestnut auf die Waage brachte. Sie belohnte die fleißige Biene sofort, indem sie White Chestnut erlaubte am nächsten Tag zur Wiese der Heilkräuter zu fliegen und dort zu sammeln. Das war für alle Bienen eine große Auszeichnung.