Wild Rose, der Vampir

Es war einmal ein kleiner Vampir. Er lebte in einem finsteren Keller. Dieser Keller hatte kein Fenster und die Tür war dick von Spinnweben verhängt. Warum war die Tür so staubbedeckt und voll Spinnennetze? Ganz einfach weil Wild Rose, so hieß der kleine Vampir keine Lust hatte auszugehen. Er wollte sich gar nicht in eine Fledermaus verwandeln und um Mitternacht durch die Friedhöfe fliegen. Das hatte auch seinen Grund.

Als Wild Rose 600 Jahre alt war, gerade richtig für den ersten Vampirausflug, lud ihn sein Vater ein mit ihm zum größten Friedhof der Stadt zu fliegen. Dieser war ziemlich weit vom Wohnort der Vampirfamilie entfernt und der Vater dachte, der Kleine schafft es nie so weit zu fliegen. Auf der Mitte der Strecke befand sich eine kleine, versteckte Bluttankstelle, dort wollte der Vater landen und sich einen guten Tropfen von einem hübschen Vampirmädchen einschenken lassen. Da Vampire das Sonnenlicht scheuen, lieben sie die Sonne der Nacht, den Mond. Und zu Vollmond, um Mitternacht verwandelten sich Vater und Sohn in Fledermäuse. Der kleine Wild Rose reckte und streckte seine Flügel und dann schwang er sich mit einem Jauchzen in die Luft. Sicher schraubte er sich Meter um Meter in die Höhe. Der Vater konnte ihm kaum folgen. Als Wild Rose genügend Höhe erreicht hatte, seufzte er zufrieden und wartete auf seinen Vater, der voraus fliegen sollte um den Weg zu weisen.

Der Vater aber konnte nicht so hoch hinauf, wie Wild Rose. Er war sehr zornig, dass der kleine unmündige Sohn ihn so erniedrigte und noch Freude über seinen Höhenflug zeigte. Er befahl Wild Rose zu sich herab und machte ihm lautstark klar, dass er mit einem so ungezogenen, unbändigen, wilden Sohn nicht weiterfliegen konnte. Die Verantwortung sei ihm leider zu groß. Wild Rose war entsetzt, dass der Vater so wütend reagierte und da er ihn nicht noch mehr erzürnen wollte, flog er still mit ihm zurück in die elterliche Wohnung. Dort setzte der Vater der Mutter auseinander, was sie für einen ungezogenen, wertlosen Sohn erzogen hätte. Die Mutter reagierte sehr betroffen und verbannte Wild Rose in den Keller, wo er über seine Untat nachdenken sollte.

Und da saß nun Wild Rose. Er sah ein, dass es völlig sinnlos war sich zu verteidigen. Wer wild und unternehmungslustig war und vielleicht noch eigene Ideen leben wollte, der war ein sehr schlechter Sohn. Da er seinen Eltern sehr liebte, vergaß er seine eigenen Vorstellungen, er vergaß sogar wie man fliegen konnte. Die einzige Freude die er hatte war, dass seine Mutter sich zu ihm setzte wenn er aß. Und damit er sie möglichst lange festhalten konnte, aß er langsam und viel. Er wurde immer dicker und unförmiger und als ihn der Vater nach einiger Zeit wieder aufforderte mit ihm zu fliegen unter der Bedingung, dass er sich besser benähme, konnte er trotz unzähliger Flügelschläge nicht mehr in die Luft steigen. Da lachte der Vater, stieg in die Luft und flog allein davon.

Wild Rose ging in seinen Keller und von da an blieb er da sitzen und stierte vor sich hin. Das ging viele hundert Jahre so, bis eines Tages eine alte Freundin der Mutter aus Transylvanien zu Besuch kam. Diese hatte ihr kleines Töchterchen, knappe 350 Jahre mitgebracht. Als die beiden Damen bei einem Plausch mit Hagebuttentee saßen, ging die Kleine auf Entdeckungsreisen und stieß die verstaubte Tür zu Wild Roses Keller auf. Unbefangen, wie so eine Dreihundertfünfigjährige halt ist, ging sie auf Wild Rose zu und sagte:“Du Dicker, spiel mit mir“. Wild Rose erwachte aus seiner Apathie und beäugte das kleine Wesen. Er vergaß seine Unlust und fragte:“Was willst du denn mit mir spielen?“ „Na, Ja“, murmelte die Kleine, „nachlaufen ist vielleicht nicht so gut. Aber vielleicht kannst du mit mir eine Runde fliegen, die anderen sind immer schneller als ich. Mit dir kann ich sicher Schritt halten.“ Wild Rose ließ sich von den süßen, roten Augen der Kleinen erweichen und sie verwandelten sich in Fledermäuse. Langsam schraubten sie sich in die Höhe und flogen, nein sie sackten mehr, ein Stück. Die Kleine wurde übermütig und probierte ein Kunststück. Sie wurde von einer Windbö erfasst und in einen stacheligen Strauch geschleudert. Besorgt glitt Wild Rose herbei.

Die Kleine lag mitten in Dornen, die ihn an die Eckzähne eines Hundes erinnerten. Vorsichtig und trotzdem er ständig von den gebogenen Dornen verletzt wurde, befreite er das Mädchen. Beide waren über und über von Wunden übersät. Das Mädchen weinte und auch Wild Rose war den Tränen nahe. Von seiner Mutter hatte er gelernt, dass ein heißer Tee alle Leiden lindere. Er hörte neben sich einen Bach plätschern. Da nahm er seinen Eisenhut vom Kopf, drehte ihn um und schöpfte Wasser hinein. Dann pflückte er von den langen Ranken dieses Strauches die weißen und rosa Blüten und warf sie in den Huttopf. Jetzt brauchte er nur mehr Streichhölzer um ein Feuer zu entzünden. Das hatte die schlaue Kleine. Sie hatte es ihrer Mutter aus der Handtasche geborgt, wie sie sich ausdrückte. Bald köchelte der Tee und die beiden tranken abwechselnd von dem heißen Gebräu.

Wild Rose überfiel plötzlich der Drang ganz hoch in die Lüfte zu steigen. Auch die Kleine sprühte vor Unternehmungslust. Vergessen waren alle Schmerzen. Gemeinsam zischten sie hoch hinauf. Die mutige Kleine probierte noch einmal ihr Kunststück und Wild Rose gleich mit ihr. Und siehe da, es gelang. Übermütig beschlossen die beiden den weiten Weg zum größten Friedhof der Stadt zu fliegen und dort zu feiern. Als sie über die Bluttankstelle flogen, sah Wild Roses Vater gerade auf. Er traute seinen Augen kaum. doch die beiden winkten ihm nur übermütig zu und sausten davon.